In knapp einer Stunde geht die Sonne auf. Damit beginnt für mich eine anstrengende Routine: Fast auf die Minute genau 16 Stunden lang werde ich weder etwas essen, noch etwas trinken oder etwas in den Mund nehmen (z.B. Kaugummi). Seit 16 Tagen schon faste ich mit Millionen von Muslimen im Monat Ramadan.

In meine Vorhaben eingeweiht hatte ich nur den engsten Familienkreis. Ob ich vorhätte, zum Islam zu konvertieren, fragte mich mein Vater anfangs noch scherzhaft. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob er das nicht tatsächlich glaubt. Warum genau ich fasten möchte, wollte hingegen meine Mutter wissen. „Willst du abnehmen, ist es das?“

Tatsächlich aber hatte ich mich aus einem gänzlich anderen Grund dazu entschlossen, den Ramadan zu feiern.

„Das sind doch alles Terroristen!“

Mit den ersten syrischen und nordafrikanischen Flüchtlingen zog im letzten Jahr nicht nur eine Welle der Hilfsbereitschaft über Deutschland. Der rechts-inspirierte Tenor in den Sozialen Netzwerken war eindeutig: Warum kommen die gerade zu uns? Wie kriegen wir die wieder los? Was kostet uns das? Können wir noch in Sicherheit leben? Das sind doch alles Terroristen!

Aussagen wie diese waren nicht neu. Schon in den 90er-Jahren zeigte Deutschland das hässliche Gesicht, das man zu diesem Zeitpunkt bereits als tragischen Ausrutscher des frühen 20. Jahrhunderts abgetan hatte. Plötzlich war sie wieder da, die Angst vor dem Fremden, die Angst davor, den persönlichen Wohlstand einzubüßen, weil Asylschmarotzer und Wirtschaftsflüchtlinge das Land überfluteten. Erst brannte es in Rostock-Lichtenhagen (1992), dann in Mölln (1992), schließlich in Solingen (1993). Bei den rechtsextremen Anschlägen sterben insgesamt acht Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte.

Auch 2015 wähnte man sich wieder in der Sicherheit deutscher Gastfreundschaft. So etwas wie in den 30ern, 40ern und 90ern würde nicht noch einmal passieren. Dabei war der Nationalismus schon längst wieder in der Mitte angekommen; schleichend und mit wachsenden Akzeptanz. Man redet wieder über die vergewaltigenden Flüchtlinge und die mordenden Muslime und ist dabei erstaunlich resistent gegenüber Fakten. Vorfälle wie die in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln tun ihr übriges dazu.

„Man traut sich ja bei den vielen jungen Moslems gar nicht mehr auf die Straße“, hörte ich eine Nachbarin vor einer Weile sagen. Vorsichtshalber trage sie nun immer ein Küchenmesser mit sich, eingewickelt in zwei Trockentücher, um sich nicht selbst zu verletzen. Das war für mich der Zeitpunkt, an dem ich für mich entschied, an Ramadan zu fasten. Ich wollte aufhören, wie die große Masse über Muslime zu sprechen, sondern wollte über den Ramadan in die islamische Welt eintauchen, um sie von innen zu betrachten.

Abnehmen an Ramadan

Ich esse eine Banane, einen Schokopudding und trinke zwei Liter Wasser. Es sind keine 20 Minuten mehr, bis in Ludwigshafen die Sonne aufgeht. Vor zwei Wochen noch, als ich mit dem Fasten begonnen hatte, hatte ich Probleme damit, meine Essgewohnheiten zu organisieren. Ich neigte dazu, mich zum abendlichen Fastenbrechen (iftar) regelrecht zu überfressen – meist mit Burger, Pizza und Schokolade. Morgens aß ich gar nicht, denn die Speisen vom Abend lagen noch schwer im Magen (von wegen abnehmen, Mutti 🙈).

Zwei Wochen später habe ich einen gesunden Rhythmus gefunden. Vor Sonnenaufgang sorge ich mit Obst, Smoothies und Joghurt für eine ausgewogene Grundlage für den Tag. Mit zwei Litern Wasser beuge ich den Folgen der fehlenden Flüssigkeitszufuhr tagsüber vor. Abends esse ich das, was mir von einem Anbieter für Kochboxen geliefert wird; leichte Mahlzeiten, wenig Fleisch, davor drei Datteln. Dazu eine Cola und ein Glas Milch oder einen Ayran und einen weiteren Liter Wasser.

Am Wochenende gehe ich wie gewohnt laufen oder Fußball spielen. Dafür gibt es abends dann mehr Wasser.

Positive Reaktionen

Kurz vor dem ersten Tageslicht beende ich mein Frühstück und kündige an, die nächsten Stunden zu fasten. Tatsächlich stehe ich im Bad vor dem Spiegel und sage zu mir: „Hiermit beginne ich mein heutiges Fasten und hoffe, die nötige Kraft und Energie zu finden, den Tag durchzustehen.“ Praktizierenden Muslime hatten mir erzählt, dass man das so macht. Also mache ich das auch.

Im Büro haben die Kolleginnen und Kollegen langsam mitbekommen, dass ich faste. Die Reaktionen waren bislang durchweg positiv, wenngleich meine Antwort auf die Frage nach dem Wieso nicht wirklich befriedigend gewesen schien. Dass mein Ramadan über das einfache Schwänzen der Mittagspause hinausgeht, ist ihnen dabei anfangs nicht bewusst. Vor allem das Nicht-Trinken macht mir den Arbeitstag unheimlich schwer. Das Thermometer zeigte gestern 25 Grad im Schatten und das Schicksal wollte, dass ich Speisekarten am PC gestalte.

Von Muslimen ernte ich bislang ausschließlich Respekt. Ich werde abends zum Essen eingeladen, man erzählt mit mir über den Koran, über die Ursprünge von Ramadan. Sie nennen mich Bruder, sprechen andere Menschen an und stellen mich ihnen vor. Es ist mir ein wenig unangenehm, aber ich bin auch stolz und freue mich über die Gesellschaft.

Heute beginnt der 16. Tag meines Fastens, noch 13 Tage stehen mir bevor. Jetzt mache ich mich fertig für die Arbeit und bin gespannt, was der Tag bringt 😀