Über den eigenen Schatten springen, damit scheine ich tatsächlich ab und zu ein Problem zu haben. Seit knapp einem Jahr lerne ich die schwedische Sprache. Ich bin natürlich noch lange kein Profi, aber in der Theorie bin ich zumindest fähig, ein wenig Smalltalk zu halten. Hier in Stockholm wollte ich nun den Praxistest wagen. Doch dann steht da im Café Sturekatten diese waschechte Schwedin vor mir – und ich bringe kein Wort heraus.

Die Schwedin heißt Elin* und arbeitet als Servierkraft im Café. „Du bist nicht von hier, oder?“, fragt sie mich nach einiger Zeit in perfektem Englisch. Ich fühle mich ertappt, als Tourist entlarvt, bejahe jedoch ihre Frage. Und traue mich doch: „Jag heter Patrick“, stottere ich auf Schwedisch und sie lächelt. Immerhin.

Wie bei Oma

Das Sturekatten befindet sich in der Stockholmer Innenstadt in der  Riddargatan 4 und damit mitten auf dem berühmten Stureplan im Stadtbezirk Östermalm. Allerdings muss man etwas suchen, um den für Östermalm typischen Innenhof und damit das historische Haus aus dem 18. Jahrhundert zu finden. Das Café befindet sich im 1. und 2. Stockwerk des Hauses. Im Erdgeschoss ist die Konditorei untergebracht.

Während dort moderne Backöfen und Rührmaschinen den Konditorinnen und Konditoren die außergewöhnliche Arbeit erleichtern, scheint im Café selbst die Zeit stehengeblieben. Wie bei Oma, war mein erster Eindruck, als ich die knarzenden Stufen in das erste Stockwerk gestiegen und in einem Raum gelandet war, der mehr an ein Museum als an ein angesagtes Café erinnerte.

Das Ambiente ist alt, aber urgemütlich. Die Inneneinrichtung lässt mich in der Biedermeierzeit des 19. Jahrhunderts wähnen. Rokoko-Möbel, Stuck an der Decke, antike Kronleuchter, gehäkelte Tischdecken und historische Bilderrahmen verstärken den Eindruck. Sogar die Servicekräfte tragen altbackene Uniformen und Schürzen. Dass es sich bei den Einrichtungsgegenständen durchweg nur Originale handelt, werde ich später erfahren; sehr beeindruckend.

Muttersprache

Wie kommt es eigentlich, dass ihr in Schweden so gut Englisch sprecht, frage ich Elin, während sie mir einen Kaffee einschenkt. Bereits bei meiner Ankunft am Flughafen Arlanda war mir positiv aufgefallen, dass man in Stockholm auch ohne ein Wort Schwedisch zu können großartig zurecht kam – so lange man der englischen Sprache mächtig war.

Elin überlegt eine Weile und bedient erst zwei weitere Kunden, bevor sie sich wieder mir widmet und auf meine Frage antwortet. „Du hast recht, Englisch ist wie unsere zweite Muttersprache“, sagt sie und fragt: „Hast du dir schon mal die Filme im schwedischen Fernesehen angeschaut?“ Nein, antworte ich. „Bei uns gibt es drei Arten von Filmen: Schwedische Eigenproduktionen in schwedischer Sprache, ausländische Filme mit schwedischem Untertitel oder englische Filme in Originalton“, erklärt sie mir. Eine schwedische Synchronisation für nicht-schwedische Filme sei unüblich. „Ohne unsere Englischkenntnisse wären wir also aufgeschmissen!“

Als ich mich verabschiede, winkt Elin mir lange hinterher. Ich winke zurück und steige vorsichtig die knarzenden Stufen des alten Treppenhauses hinab. Meinen Praxistest in Schwedisch hatte ich an diesem Tag ziemlich verhauen. „Gib aber bloß nicht auf“, hatte mir Elin noch mit auf den Weg gegeben. Es sei nicht selbstverständlich, dass ein Ausländer freiwillig Schwedisch lerne. „Wir freuen uns immer, wenn sich trotzdem jemand die Mühe macht.“ Ich schmunzle, als ich auf die Straße trete. Vielleicht habe ich immer noch ein Problem damit, über den eigenen Schatten zu springen.

An diesem Abend ist mir das jedoch egal.

*Ich habe leider vergessen, Elin zu fragen, ob ich ihren Namen in meinem Beitrag erwähnen darf. Sicherheitshalber habe ich den Namen geändert.